Suche Menü

The Dark Side of Medienkompetenz

BildungsWelt, eher Blog, Eigene Texte

Was hilft gegen Fake News und Cybermobbing, die Verbreitung von Verschwörungstheorien und kinderpornografischen Inhalten, Betrug beim Onlineshopping oder Finanzgeschäften, Fehler bei Datensicherheit und Datenschutz, suchtartiges Spielverhalten und Konzentrationsschwierigkeiten, Hate Speech oder Extremismus aller Art? Zu all diesen Problemen wird dasselbe Mittel verordnet: mehr Medienkompetenz!

Es sprechen viele gute Gründe für #Medienkompetenz – aber es gibt auch eine dunkle Seite, die das Konzept grundsätzlich in Frage stellt.

Eine Flasche Medizin mit herumliegenden Tabletten, auf der Verpackung steht "Medienkompetenz"

Medienkompetenz als Allheilmittel | Jula Henke, Agentur J&K – Jöran und Konsorten unter CC BY 4.0

Medienkompetenz als Empowerment

Ich bin und bleibe ein Freund von Medienkompetenz-Konzepten, trotz vieler Schwierigkeiten und Irrtümern (vgl. z.B. Drei Irrtümer zur Medienkompetenz). Solange im Kern die Idee von Emanzipation und Empowerment des Individuums stehen, ist Medienkompetenz für mich eine zentrale Bildungsidee. Sie will den Einzelnen in die Lage versetzen, dass er/sie die Welt verstehen, darin klarkommen und sie gestalten kann. Allerdings dürfen wir Medienkompetenz nicht isoliert betrachten. Die Fokussierung auf das Individuum ist gleichzeitig Stärke und das größte Problem von Medienkompetenz.

Medienkompetenz als Problemverweigerung

Die Anwendung von Medienkompetenz als Allheilmittel hat eine dunkle Seite: Sie schiebt die Verantwortung auf das Individuum. Der Einzelne könnte ja in der Lage sein, Fake News zu erkennen, Cybermobbing zu verhindern, sich um Datenschutz zu kümmern und Konzentrationsschwierigkeiten in den Griff zu kriegen. Unausgesprochen bleibt dabei: „Wenn das nicht klappt, obwohl entsprechende Medienkompetenzprogramme angeboten werden, dann ist halt der Einzelne selbst Schuld.“

Bei Medienkompetenz-Debatten wird häufig ignoriert, dass all diese Probleme eben nicht nur eine individuelle Komponente haben. Im Gegenteil: In der Regel entsteht ein Problem in einem komplexen Spannungsfeld zwischen politisch-rechtlichen, ökonomischen, kulturellen, psychologischen und technologischen Ebenen. Wenn wir uns bei solchen Fragen alleine auf die individuelle Perspektive beschränken, betreiben wir kollektive Problemverweigerung. Das ist zwar verständlich, denn die Lösung „Medienkompetenz“ ist der bequemste Weg, bei dem keine großen Veränderungen angegangen werden müssten. Aber gerade durch diese Vereinfachung ist Medienkompetenz alleine kein nachhaltiger Ansatz.

Gebt den Kindern mehr Medizin!

Man kann sich anschauen, gegen wie viele Probleme die Gesellschaft Medienkompetenz als Allheilmittel verschreibt. Der kollektive Glaube an das Wundermedikament erinnert häufig an eine klassische medizinische Frage: Hilft das Rezept tatsächlich, um die Beschwerden aus der Welt zu schaffen? Oder mildert die Medizin nur die Symptome insoweit, dass man das zugrunde liegende Übel weiter ignorieren kann? Diese Frage sollten wir als Prüfstein auch an jede Medienkompetenz-Debatte anlegen.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.