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Die Lüge von „lizenzfreien“ Bildern

BildungsWelt, NetzWelt

Wie man mit dem Begriff „Lizenzfreiheit“ in die Falle gehen kann …

Im Web findet man häufig Angebote für „lizenzfreie Fotos“, „lizenzfreie Bilder“ oder „lizenzfreie Videos“. Dahinter verbirgt sich aber genau das Gegenteil und damit eine unfreundliche Falle für alle, die auf der Suche nach Bausteinen zum Beispiel für freie Bildungsmaterialien („Open Educational Resources“) sind.

Ein Beispiel: In vier Schritten von „lizenzfrei“ zum Lizenzkauf

Die folgenden Bilder zeigen den kurzen Weg, den ich von der Werbung für „lizenzfreie Videos“ gehen muss, um zur Lizenz (sic!) für ebendiese Videos zu gelangen.

lizenzfreie Bilder und Videos (Werbeanzeige)

Schritt 1: eine Werbeanzeige für „lizenzfreie Videos“

lizenzfreie Bilder und Videos (Katalog, Suchfenster)

Schritt 2: Auf der dahinter liegenden Website findet sich eine Suche in einem Katalog von „12.000.000 lizenzfreien“ Videos. Allerdings ist in der Überschrift darüber gleichzeitig von „Einfache Lizenzierung“ die Rede. Der naive Nutzer könnte sich jetzt schon fragen, wie sich eine „Lizenzierung“ mit „lizenzfreien“ Inhalten vertragen …

lizenzfreie Bilder und Videos („Lizenzierung löschen“)

Schritt 2.b: Unter dem Suchfeld ist davon die Rede, dass ich die „Lizenzierung löschen“ könne. Denn / obwohl: „Jedes Video ist lizenzfrei“ …

lizenzfreie Bilder und Videos (Hinweis auf Standardlizenz)

Schritt 3: Sobald ich ein Video ausgewählt habe, bekomme ich eine Preisliste, in der im Kleingedruckten auf eine „Standardlizenz“ verwiesen wird.

lizenzfreie Bilder und Videos (Lizenztext)

Schritt 4: Wer das Kleingedruckte weiter anschauen will, gelangt auf eine Seite, die mir die „Videolizenz“ erklärt. Damit sind bestimmte Nutzungsweisen erlaubt, andere nicht. (Die vollständige Auflistung unten habe ich abgeschnitten.)

Hintergrund: Was heißt „royalty free“ auf Deutsch?

Nun könnte man unterstellen, dass der Begriff „lizenzfrei“ im besten Falle eine Irreführung ist, wenn jemand mir eine Lizenz verkaufen möchte. In der Medienbranche ist der Begriff jedoch genau für diese Nutzungsart etabliert und geht vermutlich auf einen Übersetzungsfehler zurück. Denn im Englischen ist von „royalty free“ die Rede, was im Deutschen als „lizenzfrei“ übersetzt wird. Gemeint ist damit ein Geschäftsmodell, in dem der Nutzer für die Nutzung von Fotos oder Videos pauschal bezahlt und nicht jede einzelne konkrete Nutzung abgerechnet wird. Viele Anbieter haben inzwischen ein Pauschalangebot, in dem eine bestimmte Anzahl von Medien aus ihrem Katalog genutzt werden kann, wenn man dafür einen monatlichen Beitrag zahlt.

„Royalty free“ wird im Deutschen mit „lizenzfrei“ übersetzt. Nun heißt „royalty“ allerdings nicht „Lizenz“, sondern „Tantieme“, „Honorar“ oder „Lizenzgebühr“. Korrekt müsste man „royalty free“ also nicht als „lizenzfrei“, sondern „lizenzkostenfrei“ übersetzen. Noch genauer müsste es eigentlich: „einzelne Nutzung durch Lizenzkostenpauschale frei“ heißen.

Die Alternative zu „royalty free“: Open Content und Open Educational Resources

Das Geschäftsmodell „royalty free“ richtet sich in erster Linie an Profis, bei denen Einkauf und Aufbereitung von Materialien zum Beruf gehören. Inzwischen können wir alle mittels Internet solche Aufgaben übernehmen, bei denen wir Materialien erstellen, mit den Materialien Dritter kombinieren und dann online zur Verfügung stellen. Vor diesem Hintergrund häufen sich die Angebote, die „royalty free“ auch für Nicht-Profis zur Verfügung stellen wollen. Solche Angebote finde ich im Web, wenn ich nach „lizenzfreie Bilder“ suche.

Wer nach Bildern und anderen Materialien sucht, die er/sie ohne Lizenzgebühren und ohne komplizierte Einschränkungen nutzen kann, muss daher genau aufpassen. Er/sie wird in der Regel mit einer Suche nach Inhalten unter freier Lizenz (open content) besser fahren. Im Bildungsbereich spricht man von Open Educational Resources (OER). Eine freie Lizenz ermöglicht tatsächlich die kostenfreie und auch sonst „wirklich freie“ Nutzung. In der stärksten Form verzichten die Urheber weitgehend auf alle Ansprüche und markieren ihre Werke als „CC0“ (spricht „ßi-ßi-siro“; hier erklärt), beispielsweise in der Foto-Datenbank Pixabay.

tl;dr

Lizenzfreie Inhalte“ ist faktisch das Gegenteil von „Inhalten unter freier Lizenz“! Wer wirklich freie Materialien sucht, muss sich mit freien Lizenzen beschäftigen.

Ich habe darüber übrigens ein Buch geschrieben: Jöran Muuß-Merholz: Freie Unterrichtsmaterialien finden, rechtssicher einsetzen, selbst machen und teilen (Beltz 2018)


CC-BY_iconDieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Jöran Muuß-Merholz auf joeran.de.

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