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Schule in der Digitalen Gesellschaft: Warum wir neu lernen müssen

BildungsWelt, Eigene Texte

… und wie uns das dreifach über-herausfordert

Cover der Zeitschrift "Log In" Ausgabe 180

Cover der Zeitschrift „Log In“

Dieser Text von Jöran Muuß-Merholz erschien erstmal im Februar 2015 in der Zeitschrift „LOG IN – Informatische Bildung und Computer in der Schule“, Heft 180 zum Thema „Digitale Gesellschaft“. Die folgende Fassung unterscheidet sich in Details und Bebilderung. 

I.    Handy verboten!

Foto „Rauch- und Handyverbot“ by Jöran Muuß-Merholz unter CC BY 4.0

Foto „Rauch- und Handyverbot“ by Jöran Muuß-Merholz unter CC BY 4.0

Wer verstehen will, warum „Handyverbote“ oder „Digitale Hausordnungen“ derzeit ein großes Streitthema in unseren Schulen ist und warum sich die Schule beim Eintritt in die Digitale Gesellschaft schwer tut, dem sei ein 40 Jahre altes Buch empfohlen. In „Überwachen und Strafen“ beschreibt der Philiosoph Michel Foucault drei Machttechniken, die vordergründig in Gefängnissen, aber explizit in allen einschließenden Institutionen zur Geltung kommen, in Fabriken, Schulen, Kasernen oder Spitälern:

  1. Eingeschlossenheit: Die Individuen befinden sich in einem nach Außen abgeschlossenen Bereich. Es wird kontrolliert, wer und was hinein und heraus gelangt.
  2. Parzellierung: Die Individuen haben in diesem Bereich feste Orte und festgelegte Funktionen.
  3. Hierarchisierung: Es gelten Normen und Leistungsstandards, die die Individuen je nach Erfüllungsgrad klassifizieren.

Auch wenn diese Kontrollmechanismen in modernen Schulen in Reinform nicht mehr so deutlich zu sehen sind, lassen sie sich in der Zuspitzung der „alten Schule“ erkennen. Im Zweifelsfall hat der Schüler als Individuum nicht die Kontrolle darüber …

  1. … wann er kommt und geht, was er in die Schule mitbringt und aus der Schule mit nach Hause nimmt.
  2. … wo er sich innerhalb der Schule wann aufhält und was er dort jeweils zu tun und zu lassen hat.
  3. … an welcher Stelle er in einer Hierarchie eingeordnet wird, die von Anpassung („regelmäßige freiwillige Mitarbeit“), Leistungskontrolle und -bewertung bestimmt ist.

Die Kontrolle über diese Fragen liegt beim Lehrer bzw. bei der Schule.

Was hat dies nun mit dem Verboten von Handys zu tun? Erst einmal nichts. Der Begriff „Handy“ führt in die Irre, denn ist es gar nicht das Telefonieren, was eingeschränkt werden soll. Es geht vielmehr um sogenannte Smartphones, also Geräte mit großem Funktionsumfang, Internetzugang und Kamera inklusive. Smartphones sind keine Telefone, sondern Kontrollüberwindungsgeräte.

II.    Hermines Handtasche mit unaufspürbarem Ausdehnungszauber

Der Begriff „Smartphone“, also „schlaues Telefon“ ist eine Verniedlichung für einen vernetzten und mächtigen Computer, mit dem man zufällig auch telefonieren kann. Es lohnt sich, einen genauen Blick auf diese Geräte zu werfen, für die wir nicht zufällig keinen passenden Namen haben. Ja, Smartphones sind auch Telefone. Aber sie sind auch 999 andere Dinge. Wer ein solches Gerät bei sich trägt, der hat in der Hosentasche beispielsweise  folgende Dinge bei sich:

  • eine Enzyklopädie
  • eine Fotokamera
  • eine Videokamera
  • ein Arbeitsblattsammlung
  • ein Vokabeltrainer
  • ein Bestimmungsbuch
  • ein Audiorekorder
  • eine Zettelablage
  • eine Spielekonsole
  • eine Videothek
  • ein Sexshop
  • ein Reisebüro
  • ein Schrittmesser
  • eine Uhr
  • ein Wecker
  • ein Radio und ein Fernseher
  • eine Selbsthilfegruppe
  • ein Fotoalbum
  • ein Taschenrechner
  • ein Kompass
  • eine Sternenkarte
  • ein Navi
  • ein Musikabspielgerät und eine Plattensammlung
  • eine Zeitung
  • ein Wettbüro
  • eine Bücherei

… und noch unzählige andere Werkzeuge mehr. Vor diesem Hintergrund erinnert das Gerät an ein Schweizer Taschenmesser mit 1000 Funktionen. Und jede dieser Funktionen lassen sich auch ganz unterschiedlich anwenden, wie beim Taschenmesser, mit dessen scharfer Klinge man sowohl ein gutes Essen zubereiten wie auch eine andere Person verletzen kann. Mit der Fotokamera lässt sich genauso gut das Tafelbild wie die Umkleide fotografieren.

Als wäre das noch nicht komplex genug: Das Smartphone ist nicht „nur ein Werkzeug“, wie es irrtümlich häufig behauptet wird. Es ist nicht nur Zugang zu Informationsquellen zu allen Themen. Mindestens genauso wichtig: Es ist gleichzeitig die Plattform für Kommunikation und Zusammenarbeit mit anderen, ob im selben Raum oder am anderen Ende der Welt. Und auch hier gilt: Der Verwendungszweck ist damit keineswegs definiert. Mittels einer Facebook-Gruppe kann man genauso gut gemeinsames Mathe-Lernen wie Pro-Ana-Aktivitäten organisieren.

All das steckt in diesem kleinen Gerät, von dem man auf dem ersten Blick nicht einmal sehen kann, ob eine Person es bei sich trägt oder nicht. (Nebenbei: Alleine durch die zunehmende Verkleinerung der Technik wird die Durchsetzung einschlägiger Verbote zu einem vergeblichen Kampf.) Eine Metapher, die das Smartphone noch besser charakterisiert als die vom Schweizer Taschenmesser, stammt aus dem Buch bzw. den Filmen „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“. Darin besitzt die Protagonistin Hermine eine Handtasche mit einen „unaufspürbarem Ausdehnungszauber“. Die Website „Harry Potter Wiki“ beschreibt diese Tasche wie folgt:

„Obwohl es aussieht als könnte es nur sowas wie einen Lippenstift und ein Taschentuch fassen, enthält es dank eines unaufspürbaren Ausdehnungszaubers die Rucksäcke von Harry und Ron, Harrys Tarnumhang, Kleidung für alle drei, ihre Schlafsäcke, ihre Zeltausrüstung, sämtliche Bücher, die Hermine für ihre Reise nützlich fand, eine magische Reiseapotheke, den geklauten Vorrat des Vielsaft-Tranks von Mad-Eye Moody… und im Laufe der Reise kommen noch so sperrige Dinge hinzu, wie das Porträt von Phineas Nigellus, das im Grimmauldplatz Nr. 12 hing. Von außen ist dem Handtäschchen nichts Verdächtiges anzusehen und auch gewichtsmäßig scheint sich der hineingepackte Inhalt nicht bemerkbar zu machen. Hermine kann ihr wertvolles Täschchen auch gelegentlich im Strumpf verstecken, ohne dass es auffällt.“

Ein Smartphone teilt die allermeisten Eigenschaften mit Hermines Handtasche: Es ist klein, leicht, übersehbar und immer dabei. Darin verbergen sich unendlich viele Inhalte, Werkzeuge und Möglichkeiten. Wie und wozu man es einsetzt hängt immer von der jeweiligen Situation ab. Allgemein lässt sich über Handtasche bzw. Smartphone nicht viel sagen – interessant wird es erst, wenn es konkret wird, wenn also etwas aus dieser Handtasche herausgeholt und genutzt wird. Und auch dann wird man hauptsächlich über die eine von 1000 Möglichkeiten sprechen, für die man das Smartphone nutzt, und das Gerät drum herum vernachlässigen.

Der Vergleich mit einem magischen Gegenstand erklärt, warum uns das Smartphone so stark beschäftigt. Es ist, gemessen an Maßstäben des 20. Jahrhunderts, Zauberei. Es ist geschichtlich ohne Vergleich, dass so viele Inhalte, so mächtige Werkzeuge und weltweite Kommunikationspartner nicht nur existieren, sondern auch für uns verfügbar sind – immer und überall. Hinzu kommt, dass alles auf einen Schlag verfügbar ist, revolutionär, plötzlich, über Nacht, von 0 auf 100 – ach was: auf 1000. Wenn wir sonst mit Neuem umzugehen lernen, so geschieht das in Regel nach und nach, abgestuft, gebremst. Und in der Regel gibt es Erfahrungen und Vorbilder, z.B. traditionell: Erwachsene, von denen die Heranwachsenden lernen.

Ausschnitt aus dem Film
 „Mary Poppins“ (1964, nicht unter freier Lizenz)

Ausschnitt aus dem Film
 „Mary Poppins“ (1964, nicht unter freier Lizenz)

All das ist jetzt anders. Und so ist es kein Wunder, dass wir als Gesellschaft, als Schule und als Individuen erst einmal herausfinden müssen, wie wir mit dem magischen Gegenstand Smartphone umgehen. Häufig sind es die Jüngeren, die mutiger (oder unbedarfter) vorangehen, ausprobieren, herausfinden, aushandeln. Übrigens hatte auch 1964 schon eine zauberhafte Frau eine ähnliche magische Handtasche: Mary Poppins (vgl. Abbildung). Damals waren es noch die Kinder, die mit offenem Mund staunten. Heute sind es bisweilen wir Erwachsenen, die sprachlos daneben stehen und uns wundern, was die Jugend dort an Magie (oder Hexenwerk) hervorholt.

III.    Kontrollverlust

Wenn wir nun Foucaults Machttechniken in der Schule mit den magischen Eigenschaften des Smartphones zusammenbringen, erkennen wir den potentiellen Kontrollverlust.

  1. Eingeschlossenheit: Mit dem Smartphone können Informationen unbegrenzt, rasant und quasi unsichtbar in die Schule herein geholt werden und umgekehrt auch aus der Schule in die ganze Welt gelangen. Das können Lerngelegenheiten im Internet sein, Fotos von Tafelbildern (oder von Lehrer/innen) oder die Zusammenarbeit zwischen Menschen innerhalb und außerhalb der Schule. Der Medientheoretiker Torsten Meyer nennt das „a hole in the wall“ – ein Loch in den Mauern der Schule.
  2. Parzellierung: Zwar muss eine Schülerin sich i.d.R. weiterhin zu festgelegten Zeiten an festgelegten Orten aufhalten: Punkt 8.00 Uhr im Klassenraum, um 10.40 Uhr auf dem Schulhof und um 11.00 Uhr im Computerraum. Mit dem Smartphone kann sie sich aber gleichzeitig an anderen Orten aufhalten: im Klassenraum unter dem Tisch im Chat mit Freunden, in der Pause via Instagram in Japan, und anstelle der alten Rechner im Informatikraum erweitert das leistungsfähigere Smartphone den eigenen Spielraum erheblich.
  3. Nur die Hierarchisierung funktioniert noch einigermaßen. Allerdings stellt sich zunehmend die Frage nach der Relevanz dessen, was in Klassenarbeiten geprüft und mit Zeugnisnoten sortiert wird. Das Lernen, das für die Schüler wichtig ist, findet mithilfe von Google, YouTube, Wikipedia und selbstgewählten Communities statt. Inwiefern die Bildungsziele der real existierenden Schule noch zeitgemäß für die Digitale Gesellschaft sind, muss auch infrage gestellt werden.

Wenn man sich die einzelnen Elemente anschaut, über die traditionell Lehrkraft und Schule die Kontrolle haben, so erkennt man einen Kontrollverlust auf allen Ebenen:

  • Ausstattung: Es wurde selten angezweifelt, wer bestimmt, welche Hardware zum Einsatz kommt – vom Füller bis zum Laptop in der PC-Ecke. Doch dieses Monopol bröckelt, wenn Jugendliche nicht nur digital schneller, fehlerfreier und lesbarer schreiben als mit dem Füller, sondern ihre privaten digitalen Geräten verfügbarer und besser sind als die Schulgeräte.
  • Inhalte: Die Lehrkraft entscheidet, welche Materialien zum Einsatz kommen, z.B. in Form von vorgegebenen Schulbüchern und ausgewählten Arbeitsblättern. Aber was ist, wenn eine Schülerin über ihr Smartphone online für sie passendere Einführungen oder attraktivere Übungen findet?
  • Arbeitsformen und -werkzeuge: Gleiches gilt für die Arbeitsform, die wie der Inhalt vorgegeben wird, was auch einfach damit begründet war, dass Alternativen nicht oder nur mit hohem organisatorischem Aufwand zur Verfügung standen. Doch nun ist es technisch genau so einfach, selbst einen Lückentext oder einen Quiz zu erstellen wie es bisher war, einen solchen zu beantworten.
  • Medienformen: Mit dem Digitalen Wandel einher geht ein möglicher Bedeutungsverlust der bisher dominierten Medienformen Text und gesprochene Sprache. Vor allem für Jugendliche wird Video zur ersten Wahl, wenn es um das Lernen geht. Auch andere Formen wie Simulation gewinnen an Bedeutung. Hinzu kommt ein potentieller Wandel in der Rolle der Lernenden: War es bisher klar, dass sie die Rezipienten von Lehrvideos waren, können sie nun mit wenig Aufwand auch Produzenten werden.
  • Raum, Zeit und Vertraulichkeit: Mit der Kontrolle über Raum und Zeit die Grundfesten des Systems Schule angegriffen. Die Äußerung einer Lehrkraft, die früher nicht weit über das Klassenraum hinaus gelangte, kann heute dank YouTube oder Twitter über Jahre hinaus und für die halbe Welt zugänglich bleiben.

IV.    Traum oder Alptraum für die Bildung?

Aus Sicht der traditionellen Schule ist es verständlich, dass dieser potentielle Kontrollverlust das Gegebene in Frage stellt und bedroht. Handyverbote und digitale Hausordnungen sind eine mögliche Reaktion darauf. Dreht man die Sache um, so lässt sich auch das Potential entdecken: Jeder der aufgezählten Veränderungen lässt sich nicht nur als potentieller Kontrollverlust der Lehrenden, sondern auch als potentielles Empowerment der Lernenden interpretieren.

Was der Kontrollverlust der einen ist, ist die Emanzipation der anderen – allerdings nicht automatisch. Selbstbestimmtes Lernen mit privaten Geräten, mit frei gewählten Methoden und Medienformen, mit Orientierung im unüberschaubaren Inhalte-Fundus – „das können unsere Schüler/innen doch gar nicht!“, mag manch einer dagegen halten. Provokant sei ihm entgegnet: „Natürlich können sie es nicht – wo hätten sie es auch lernen sollen? In der Schule wohl nicht.“

Wenn wir davon ausgehen, dass die Digitale Gesellschaft gerade noch am Anfang steht und die mit ihr verbundenen technischen wie gesellschaftlichen Entwicklungen sich noch verstärken werden, dann ist genau dieses Empowerment der Lernenden das Bildungsziel, das Schule in der Digitalen Gesellschaft verfolgen muss. PISA-Erfinder Andreas Schleicher hat das angesichts der Digitalen Gesellschaft sehr anschaulich zusammengefasst:

„Put simply, the world no longer rewards people for what they know – Google knows everything – but for what they can do with what they know.

Because that is the main differentiator today, global education today needs to be much more

  • about ways of thinking, involving creativity, critical thinking, problem-solving and decision-making;
  • about ways of working, including communication and collaboration;
  • about tools for working, including the capacity to recognize and exploit the potential of new technologies;
  • and, last but not least, about the social and emotional skills that help us live and work together.“ [Absätze und Aufzählungszeichen von Jöran Muuß-Merholz eingefügt.]

Das Ziel von Schule muss genau die Vermittlung der Kompetenzen sein, deren Fehlen wir gerne als Argument nutzen, um genau dieses Ziel nicht zu verfolgen. Dabei sind entsprechende Kompetenzen auch jenseits von Fragen der Digitalisierung die „21st Century Skills“ (Schleicher). Der Druck, der von den Geräten in den Hosentaschen der Schüler ausgeht, könnte für Schule eine zusätzliche Triebkraft für eine entsprechende Neuausrichtung dienen.

V.    Dreifache Über- / Herausforderung

Nun funktioniert die Neuausrichtung einer gesellschaftlichen Institution wie Schule nicht von heute auf morgen. Der Bildungsbereich ist wohl auch nicht die Speerspitze der Digitalen Gesellschaft. Aber viele Beispiele wie zum Beispiel im Umfeld des Deutschen Schulpreises zeigen, dass eine andere Schule möglich ist. Auch das weite Feld der Schulentwicklung lässt sich hinsichtlich des Digitalen Wandels mit konkreten Schritten erschließen. Vorschläge dafür finden sich bei Wampfler (2013) und Muuß-Merholz (2012).

Was für die Organisation Schule gilt, lässt sich auf die individuelle Ebene herunterbrechen. Lernende werden dreifach herausgefordert:

  • Die Herausforderung des Fachlichen: Lernende sollen weiterhin fachliches Wissen und fachliche Kompetenzen entwickeln. (Schleicher wird missverstanden, wenn man ihm unterstellt, er halte Wissen für verzichtbar. Er sagt vielmehr, man müsse mit diesem Wissen etwas anfangen können. Dafür braucht man es erst einmal.)
  • Die Herausforderung des Lernens: Lernende sollen lernen, selbständig und kooperativ, zielgerichtet und kreativ, praxis-, produkt- oder projektorientiert zu arbeiten.
  • Die Herausforderung des Digitalen: Gleichzeitig müssen (junge wie erwachsene) Lernende lernen, mit den Möglichkeiten und Herausforderungen des Digitalen Wandels zurechtzukommen. Dabei geht es um viel mehr als technische Bedienkompetenz. Es geht vielmehr um ein Leben in und mit magischen Medien, die wir gerade erst zu verstehen beginnen, während sie sich gleichzeitig rasant weiterentwickeln.

Zugespitzt stand die alte Schule vor allem für die erste dieser drei Ebenen. Die Lernformen, -werkzeuge und -medien waren relativ trivial zu beherrschen bzw. wurden durch externe Kontrolle vorgegeben. Dass nun in den Lernzielen drei Ebenen nebeneinander stehen, ist eine enorme Herausforderung für die Lernenden. Selbst wenn durch gezielte Lernangebote für die zweite und dritte Ebene (Trainings in „Lernen lernen“ oder „Medienkunde“ o.ä.) eine gewisse Entzerrung denkbar ist, so müssen die drei Ebenen letztlich doch miteinander verwoben und in Gleichzeitigkeit gedacht werden. Im Sinne der Cognitive Load Theory kann die dreifache Belastung eine Überlastung des Lernenden darstellen. Wer schon einmal neue Methoden oder neue Medien im Unterricht eingesetzt hat, weiß das aus dem Alltag: Auch diese (vermeintliche) Meta-Ebene braucht zusätzlich Energie und Zeit.

VI.    Tastende Schritte in die Digitale Gesellschaft

Wie sehen mögliche Antworten auf diese Herausforderung aus? Zunächst müssen wir akzeptieren, dass fertige Rezepte oft noch fehlen. Das liegt nicht daran, dass diese erst entdeckt, aufgeschrieben und verbreitet werden müssen. Vielmehr fehlen sie wirklich. Wir haben keine Erfahrungen damit, wie wir konzentriert arbeiten können, wenn unser Arbeitsgerät alle ablenkenden Möglichkeiten dieser Welt genauso nahe bereitstellt wie die nächsten Arbeitsschritte. Wir üben noch, wie wir im digitalen Raum ein Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz, Privatsphäre und Öffentlichkeit, Überwachung und Komfort halten können. Antworten und Regeln müssen wir sowohl in der Gesellschaft wie auch in der Schule aushandeln, vereinbaren, wir müssen uns austauschen, neue Regeln aufstellen und gegebenenfalls auch wieder umwerfen.

Der Königsweg wird sein, die drei Ebenen von Fach-, Lern- und Medienkompetenz gemeinsam zu bearbeiten. Sie sind nur künstlich und unter großen Einbußen trennbar – denn Medien sind eben gerade das: verbindend. Gerade in der Verbindung der Ebenen steckt das Potential – sonst würden wir gar nicht darüber reden.

Foto „Sprachkabinett“ von Eugen Nosko, Deutsche Fotothek unter CC-BY-SA-3.0-de via Wikimedia Commons.

Foto „Sprachkabinett“ von Eugen Nosko, Deutsche Fotothek unter CC-BY-SA-3.0-de via Wikimedia Commons.

Dabei muss hier noch erwähnt werden, dass die produktive Neuausrichtung von Lernen im Angesicht der Digitalen Gesellschaft nur eine Möglichkeit unter verschiedenen Zukünften ist. Die Digitalisierung kann genauso gut zu einer Zementierung der „alten Schule“ führen. Man kann mit digitaler Technik altmodische Pädagogik betreiben. Die digitalen Medien eignen sich bestens, um zwar individualisiert, aber in einer engstens kontrollierten Umgebung zu lernen. Die Digitale Gesellschaft kann für die Schule auch die Wiederbelebung und Optimierung der Didaktik des Sprachlabors dienen, in dem der Input programm-gesteuert auf jeden einzelnen Lernenden angepasst wird, Lernfortschritte ständig gemessen und entsprechend bewertet werden können. Entsprechende Bestandsaufnahmen und Zukunftszenarien finden sich bei Lindner 2014 und Watters 2014.

VII.    Schritte in die Digitale Gesellschaft

Nach diesen grundsätzlichen Überlegungen bleibt die Frage offen, wie eine Schule oder eine einzelne Lehrkraft konkrete Schritte hinein in die Digitale Gesellschaft unternehmen kann. Glücklicherweise hat die Avantgarde das Feld bereits erkundet. Aus ihrer Erfahrung sind im Folgenden einige Fragmente und Ideen skizziert.

Unterrichtsmaterialien

Bewährt sind für den Einstieg klassische Unterrichtseinheiten, die digitale Themen in die analoge Schule bringen. In der Regel wird hier Medienkunde auf der Meta-Ebene betrieben, wobei häufig Aufklärung vor Gefahren und Einüben von Schutzmöglichkeiten im Vordergrund stehen. Aber auch die kreative und kollaborative Nutzung digitaler Medien und die Reflexion der eigenen Nutzung werden thematisiert. Als Beispiele seien die Materialien auf klicksafe.de sowie medien-in-die-schule.de genannt.

Digitale Welten sind Lebenswelten

Schule lässt sich unterschiedlich stark auf die Lebenswelten von Schüler/innen ein. Das ist nicht unbedingt der Regelfall, aber es gibt dafür Zeiten und Räume wie den Morgenkreis, Freie Stillarbeit oder selbstgewählte Projektarbeit. Dem Hörensagen nach gibt es Lehrkräfte, die hierbei Themen aus digitalen Welten explizit ausschließen. Doch gerade Computerspiele, Videos auf YouTube, Stress in Sozialen Netzwerken oder Selbst-Inszenierung auf Instagram sind zentrale Themen aus der jugendlichen Lebenswelt. Lehrkräfte sollten die Thematisierung und damit die Reflexion und Diskussion digitaler Welten ermuntern (bzw. zumindest zulassen).

Projektarbeit

Wie so häufig bilden Projektphasen eine Chance, die üblichen Einschränkungen des Schulalltags aufzuheben. Gerade wenn man an der Lebenswelt der Schüler/innen ansetzt und darauf setzt, voneinander und miteinander zu lernen, bietet die Arbeit in Projekten die Chance für einen Einstieg in die Digitale Gesellschaft. Anregungen für die Projektarbeit mit digitalen Medien bietet beispielsweise der Medienpädagogik-Praxisblog.

BYOD

Das Konzept „Bring Your Own Device“ (BYOD) gewinnt für die digitale Ausstattung von Schulen rasant an Bedeutung. Alle Lehrer/innen und Schüler/innen bringen einfach die eigenen Smartphones, Tablets oder Laptops mit, die sie ohnehin schon besitzen. So einfach ist das in der Praxis natürlich nicht. Einen Einstieg in das Thema bietet die Sammlung von kurzen Videos „Die 10 wichtigsten Antworten zu Bring-Your-Own-Device (BYOD)“ mit Expert/innen aus Schule, Verwaltung und Wissenschaft (Fabri, Kolkmann, Moje, Muuß-Merholz 2014).

Medienmentoren

Verschiedene Bundesländer haben inzwischen Programme für Medienscouts oder Medienmentoren initiiert, bei denen Schulen auch außerhalb dieser Länder Anregungen finden können. Ausgangspunkt ist die Idee, dass Jugendliche als Expert/innen für Medienfragen eine Ausbildung erhalten, die ihnen dabei hilft, im Sinne von Peer Education andere Jugendliche in diesen Fragen zu unterstützen. Einen Eindruck vermittelt das hessische Programm „Digitale Helden“, das Lehrkräfte und Schüler/innen gemeinsam fortbildet (Muuß-Merholz 2014).

Gemeinsame Fortbildungen

In der Schule kann die Vielfalt der Kompetenzen von Lehrkräften und Schüler/innen genutzt werden, um mit- und voneinander zu lernen. Das können klassische schulinterne Fortbildungen sein, in denen Schüler/innen als Expert/innen die Lehrkräfte z.B. beim Umgang mit Computerprogrammen coachen. Das Voneinander-Lernen kommt stärker zum Tragen, wenn es um gemeinsame Workshops und Diskussionsrunden zu Themen der Digitalen Gesellschaft geht, bei denen Lehrkräfte und Schüler/innen gemeinsam das neue Terrain erkunden und reflektieren. Ein fortgeschrittenes, aber bestechend einfaches Format ist das Barcamp, auch Unkonferenz genannt. Erfahrungen zu Barcamps in der Schule finden sich z.B. bei Schaumburg (2010) oder Groß (2014).

Anregungen für groß angelegte gemeinsame Fortbildungen kommen aus Indonesien. Zur Einführung einer Software zur Erstellung digitaler Unterrichtsmaterialien wurde hier eine Fortbildung angeboten, zu der sich Lehrkräfte nur im Tandem anmelden konnten – gemeinsam mit einer Schülerin / einem Schüler. Den Berichten zufolge ergänzten sich die technische Expertise auf Schülerseite bestens mit der didaktischen Expertise der Lehrkraft.

Digitales Kompetenzzentrum (DKZ)

Zum Abschluss sei hier noch eine Idee skizziert, die verschiedene Aspekte der zuvor genannten Ansätze aufgreift und zusammenfügt: ein „Digitales Kompetenzzentrum“ (DKZ oder DiKoZ) für eine bzw. in einer Schule. Hier geht es nicht etwa in erster Linie um technische, sondern um medienpädagogische Fragen oder noch weiter gefasst: um Fragen der Digitalen Gesellschaft.

Ausgangspunkt ist die Einrichtung einer permanenten AG in einer Schule, die für Schüler/innen und Lehrkräfte gleichermaßen offen ist. Hier tauscht man nicht nur Erfahrungen, Tipps und Tricks aus, sondern organisiert z.B. Vortragsveranstaltungen (auch) für Eltern, schulinterne Fortbildungen, offene Sprechstunden für Lehrkräfte und Schüler/innen, Schul-BarCamps, LAN-Partys etc. Gerade durch die Vermischung von individuellen Fragen, Schulthemen und gesellschaftlichen Aspekten wird man der Allgegenwärtigkeit und Vernetzung der Digitalen Gesellschaft gerecht.

Selbstverständlich können dabei auch medientechnische Fragen eine Rolle spielen. Man muss nur aufpassen, das DKZ nicht auf die Funktion zu reduzieren, dass eine Schülertruppe bei Problemen mit Whiteboards und Beamern schnell und billig helfen kann. Der zentrale Gedanke hinter dem DKZ: Auch und gerade in der Schule müssen wir auf Mit- und Voneinander-Lernen, gemeinsame Verständigungsprozesse, Reflexion und Dialog setzen, um in der Digitalen Gesellschaft als gestaltende und nicht als getriebene Akteure zu handeln.

Links und Literatur

Groß, T.: AbiCamp 2014 – kleiner Stein, weite(re) Kreise. Auf: Idealismus trotz Bildungskultur. Ideen und konkrete Anregungen rund um die Schulmatrix, 2014. http://paradigmagnus.wordpress.com/2014/02/16/abicamp-2014-kleiner-stein-weitere-kreise/ [zuletzt geprüft: 2014-11-16]

Foucault, M.: Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses. Suhrkamp, 1976.

Harry Potter Wiki (: Hermines Perlenhandtäschchen. Stand vom 2014-11-16. http://de.harry-potter.wikia.com/wiki/Hermines_Perlenhandt%C3%A4schchen [zuletzt geprüft: 2014-11-16]

Chandler, P. & Sweller, J.. Cognitive load theory and the format of instruction. Cognition and Instruction. 8(4), 293-332, 1991.

Fabri, B., Kolkmann, M., Moje, T., Muuß-Merholz, J.: (Hrsg.): Die 10 wichtigsten Antworten zu Bring-Your-Own-Device (BYOD). Videostatements auf pb21.de, 2014. http://pb21.de/2014/10/die-10-wichtigsten-fragen-zu-bring-device-byod-2/ [zuletzt geprüft: 2014-11-17]

Lindner, M.: Bildung 2025: Vier düstere Szenarien (und ein kleiner Lichtblick) – Lernen im digitalen Klimawandel – Teil V. Artikel auf pb21.de, 2014. [zuletzt geprüft: 2014-11-17]

Muuß-Merholz, J.: Schule und Web 2.0 – Wie Social Media die schulische Kommunikation durcheinander wirbelt. In: G. Regenthal; J. Schütte: Handbuch Öffentlichkeitsarbeit macht Schule. Verlag Carl Link / Wolters Kluwer Deutschland, 2012. https://www.joeran.de/social-media-schule/ [zuletzt geprüft: 2014-11-16]

Muuß-Merholz, J.: Digitale Helden – Medienpädagogische Beratung durch Peers. Aufzeichnung eines Online-Vortrags mit Florian Borns, Max Atta und Marlene Knapp auf pb21.de, 2014. http://pb21.de/2014/11/digitale-helden/ [zuletzt geprüft: 2014-11-16]

Schaumburg, F.: „BarCamp“ trifft Schule. Auf: EduShift. Laut gedacht …, 2010. http://www.edushift.de/2010/10/03/barcamp-trifft-schule/ [zuletzt geprüft: 2014-11-16]

Schleicher, A.: Educating for the 21st Century. Video und Transkript bei Big Think, 2014. http://bigthink.com/big-think-gesf/educating-for-the-21st-century [zuletzt geprüft: 2014-11-16]

Wampfler, P.: Facebook, Wikis und Blogs in der Schule. Ein Social-Media-Leitfaden. Vandenhoeck & Ruprecht, 2013

Watters, A.: The Future of Education: Programmed or Programmable. Transkript zum Vortrag an der Pepperdine University am 4.11.2014. http://www.hackeducation.com/2014/11/04/programmed-instruction-versus-the-programmable-web/ [zuletzt geprüft: 2014-11-16]

Weiterführende Links:

  • www.klicksafe.de – Informationen und Unterrichtsmaterial im Rahmen des Safer Internet Programmes der Europäischen Union
  • www.medienpaedagogik-praxis.de – Medienpädagogik Praxisblog mit Materialien, Methoden, Projektbeispiele, Tipps, Tricks und aktuelle Informationen für die medienpädagogische Praxis in Jugendarbeit und Schule. Herausgegeben von Eike Rösch und Tobias Albers-Heinemann
  • www.medien-in-die-schule.de – Unterrichtseinheiten zu sechs Themenbereich der Digitalen Gesellschaft, herausgegeben von FSM, FSF und Google

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Foursquare, Süddeutsche Zeitung, Apple.

  2. Ich habe selten einen so unaufgeregten und sachlich ordentlich informierenden Artikel zu dieser Materie gelesen. Das kann helfen. Der kritische Ansatz über Foulcault ist hier grundsätzlich ein Richtiger. Er stellt die Schule wieder auf die Füße, wenn viele davon zu überzeugen sind. Das bleibt zu wünschen.

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  5. Gute Diskussionsgrundlage für das Ueberdenken eines generellen Handyverbotes.
    Hier nun meine Erfahrung als Lehrer: Wenn es mir gelingt gegenseitige menschliche Akzeptanz zu leben ist ein Handyverbot nicht notwendig. Auch junge Menschen spüren, wann der Gebrauch ihres Gerätes sinnvoll ist und wann er stört, denn auch ihnen liegt viel an fairer Kommunikation und gegenseitigem Respekt.

  6. Lieber Joeran, schönes langes Stück, ich finde die detailkompetenz beeindruckend. Aber, Verzeihung, Foucaults Dreierregel hat mit der Schule im 21. Jahrhundert NICHTS mehr zu tun. Beim besten Willen nicht. Und auch nicht mit der Regelschule. Foucaults Vergleich war schon in den 70er nicht mehr ok, deswegen rekurrierte er in vielen Beispielen auf das 19. Jahrhundert. Im Zeitalter von Flexibler Anfangsphase, Verweilen, Gemeinschaftsschulboom etc einen Gefängnis-Vergleich anzustellen, führt vollkommen in die Irre. Du hast doch selber Filme über Schulpreisschulen gemacht, da passt kein einziger der drei Punkte mehr. Diese Methode, die herrschende Schule in eine hässliche Karikatir zuzuspitzen, passt mehr zu Reformpädagogischer Träumerei von Kahl&Consorten und nicht zu Dir. Best, cif

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