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Mitchel Resnick: Lifelong Kindergarten [Rezension]

BildungsWelt, eher Blog, Eigene Texte

cover mitchel resnick lifelong kindergarden und ein Kaffeebecher

Mitchel Resnick leitet am MIT Media Lab die Arbeitsgruppe „Lifelong Kindergarden“. Er gehört zu den Erfindern der edukativen Programmsprache und Community SCRATCH, zu den Ideengebern von LEGO Mindstorms und zu den Gründern der Computer Clubhouses. Jetzt hat Mitch Resnick ein Buch geschrieben: Lifelong Kindergarten: Cultivating Creativity Through Projects, Passion, Peers, and Play. Das ist außergewöhnlich, denn gleichwohl Resnick sehr umtriebig, produktiv und kreativ ist: Bücher hat er bisher selten geschrieben. 

Fazit

Wer die Arbeit von Mitch Resnick kennt, findet im Buch keine Überraschungen. Es geht durchgängig um LOGO, Lego, Lego Mindstorms, Scratch, Computer Clubhouse und die Arbeit in Resnicks Arbeitsgruppe „Lifelong Kindergarden“ am MIT Media Lab. Resnick fasst die Prinzipien seiner Arbeit in diesen Projekten zusammen und präsentiert sie kompakt und unakademisch. Das ist spannend und illustrativ. Allerdings endet Resnick bei der Frage, wie sich diese Prinzipien „lifelong“ anwenden lassen, also auch in Kontexten wie Schule, Hochschule oder berufliche Weiterbildung nutzen lassen. Ein Höhepunkt sind Resnicks Auseinandersetzungen mit kritischen Argumenten gegen seinen Ansatz.

„Give P’s a Chance“ 4 Ps (und 4 K s)

Das Buch umfasst sechs Kapitel, wobei Kapitel 1 und 6 eine Klammer bilden und in 2 bis 5 je ein „P“ bearbeitet wird:

  • Projects: Lernen durch die Arbeit in und an Projekten
  • Passion: personalisiertes Lernen im Sinne von: an Dingen arbeiten, die für Lernende persönlich bedeutsam sind
  • Peers: Lernen miteinander und voneinander, durch Kollaboration, Offenheit, Sharing und Feedback
  • Play: Lernen mit einem experimentierenden Zugang, mit „Tinkering“ als leitende Metapher

In Kapitel 1 wird creative learning eingeführt – was darunter fällt, warum es wichtig ist und wie es funktioniert.

Kapitel 6 heißt „Creative Society“ und umfasst gleich drei Listen mit Tipps: 10 Tipps für Lernende, 10 Tipps für Eltern und Lehrerinnen, 10 Tipps für Designerinnen. Der Abschlussabschnitt „The path towards lifelong kindergarden“ bleibt mit knapp 3 Seiten dünn.

Apropos 4 Ps: Ich habe das Buch mit einer gedanklichen Folie zum 4K-Modell des Lernens gelesen. Die 4 Ks umfassen  kritisches Denken, Kommunikation, Kollaboration und – passend zum Buch: Kreativität. Obwohl Resnick die 4 Ks nicht explizit aufgreift, macht das Buch deutlich, wie eng die 4Ks untereinander verwoben sind. Bei Resnick ist Kreativität insbesondere untrennbar mit Kommunikation und Kollaboration verbunden (Peers, Sharing).

Gegen-Gegenargumente als Höhepunkte

Gerade für Leser*innen, die mit den Grundprinzipien von Resnicks Arbeit vertraut sind, dürften die Abschnitte „Tensions and Trade-Offs“ zu den Highlights des Buchs gehören. In den Kapiteln 1 bis 5 gibt es jeweils einen solchen Abschnitt, in dem Resnick die häufigsten Kritikpunkte bearbeitet, die seiner Arbeit immer wieder entgegnet werden. Da geht es um den Kampf zwischen Technologieenthusiasmus vs. Technologiephobie, um Wissenserwerb, um den Grad von Strukturierung beim Lernprozess, um die Rolle von fachlicher und methodischer Expertise und um Messbarkeit und Prüfbarkeit.  Resnick nimmt die Bedenken ernst und liefert hilfreiche Argumentationen.

Was fehlt

Resnick bleibt mit dem Buch durchgängig in seiner eigenen Welt. Beispielsweise wird Minecraft  nur in einem einzigen Absatz abgehandelt. (Man kann diesen Absatz allerdings so lesen, dass Minecraft das eigentliche Lego der digitalen Welt ist. Bemerkenswert, denn Lego gehört sicher zu den wichtigsten Sponsoren von Resnicks Arbeit.) Es ist nachvollziehbar, dass Resnick seine Erfahrungen aus seinen eigenen Projekten zieht. Allerdings täte ein gelegentlicher Blick über den Tellerrand auf andere Orte kreativen Lernens dem Buch gut.

Je weiter ich im Buch voranschritt (was durchaus Freude machte), desto unruhiger wurde ich: Werden hier „nur“ Resnicks Prinzipien behandelt, ohne dass ein Transfer auf anderen Kontexte thematisiert wird? Zwar hatte Resnick das genau genommen nie versprochen. Aber es war Teil meiner Erwartungen zu einem Buchtitel „Lifelong Kindergarden“, dass Resnick zumindest skizziert, wie die Förderung von kreativem Denken außerhalb seiner eigenen Welt aussehen kann.  Im letzten Kapitel schließlich gibt es zwar gleich 3 x 10 Tipps für die eigene Arbeit. Das hilft aber nur bedingt, denn wie Resnick in einer Randbemerkung feststellt: Das Lernen an Projekten ist nicht mit der Taktung von Stunden oder Doppelstunden vereinbar. Andere Bildungsbereiche werden gar nicht erst angesprochen.

Erst auf den letzten drei Seiten des Buchs spricht Resnick es dann aus: „To meet the needs of a creative society, we need to break down many structural barriers in the educational system.“ Und: „[This] will require a shift in the ways people think about education and learning.“ Der geneigte Leser seufzt: „Wenn es weiter nichts ist …“ Aber Resnicks Buch kann ein hilfreicher Baustein sein, um diesen shift voranzutreiben.

Links

Nachtrag am 3.10.2017 um 22.26 Uhr: Tatsächlich schreibt Resnick „Kindergarten“ mit „t“, das habe ich erst nachträglich gemerkt.

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