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Gute Lernorte in der digitalen Gesellschaft. Oder: Was Schulen von Starbucks lernen können.

BildungsWelt, Eigene Texte, Print, Seminare & Vorträge

Der folgende Artikel von Jöran Muuß-Merholz erschien 2017 im Magazin Schulbau (Artikel als PDF). Der Schwerpunkt #Schule lässt sich auch auf andere Bildungseinrichtungen übertragen, beispielsweise auf Bibliotheken, wo Diskussionen unter dem Schlagwort „Bibliotheken als Dritte Orte“ geführt werden. Der Text war Grundlage der Vorträge bei der Schulbau-Messe in Hamburg am 8.2.2018 und beim Goethe-Institut am 21.2.2018.

Frau mit Kopfhörer, Laptop und Papier hinter einem Starbucks-Schaufenster

Foto „Day 239 / 365 – Studying in Starbucks“ by Anita Hart | CC BY SA 2.0 via Flickr


Gute Lernorte in der digitalen Gesellschaft

Oder: Was Schulen von Starbucks lernen können.

Wenn Sie das nächste Mal in einem Starbucks oder irgendeinem anderen Kaffeehaus sind, schauen Sie sich einmal mit folgender Frage um: Wer ist hier grade mit Lernen beschäftigt? Bei manchen Menschen ist das offensichtlich, weil sie in ihren Sesseln mit Textmarkern und Papier hantieren. Auch viele der Gäste, die auf einem Hocker am Fenster ihre Textverarbeitung füttern, können wir als Lernende einstufen. Schwieriger wird es bei den Gästen an den kleinen runden Tischen, die neben ihrem Kaffee auf ihr Smartphone schauen. Manche von ihnen sind vielleicht grade in einer informellen Lerngruppe auf WhatsApp zugange oder schauen etwas in Wikipedia nach, andere scrollen durch Instagram oder spielen Candy Crush. Die drei Jugendlichen an einem anderen Tisch diskutieren mit Leidenschaft – unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich, dass es dabei um Schule geht. Aber am größten Tisch hinten in der Ecke, das ist definitiv eine Lerngruppe, die ihre Arbeitsteilung aushandelt. Kein Zweifel: Starbucks ist grade für junge Menschen nicht nur für Kaffee und Kuchen beliebt, sondern ein bevorzugter Lernort, an dem sie manchmal stundenlang arbeiten.

Ortswechsel an einen anderen, sehr traditionellen Lernort: die Bibliothek. Die meisten Bibliotheken bieten Lern- und Arbeitsplätze an, meist für ruhige Einzelarbeit, immer häufiger auch für Gruppenarbeit. Nun könnte man meinen, dass zu einer Zeit, in der wir für immer weniger Quellen das Haus bzw. den Bildschirm verlassen müssen, die Nachfrage nach solchen Arbeitsplätzen in den bisweilen antiquierten Lesesälen abnimmt. Doch das Gegenteil ist der Fall! Die Bibliotheken berichten, dass sie in den letzten Jahren deutlich mehr Nachfragen nach solchen Plätzen haben, als sie erfüllen können.

Exakt zu der Zeit, zu der wir dank Digitalisierung eigentlich für das Lernen an keine Orte mehr gebunden sind, steigt die Nachfrage nach vermeintlich altmodischen Lernorten wie Kaffeehäusern oder Bibliotheken. Wie kommt das?

Individuelles Lernen

Es ist eine große Versprechung des Lernens mit digitalen Medien: die Befreiung aus den Zwängen von Raum und Zeit. Digital können wir nicht nur Informationsangebote abrufen, sondern uns auch mit Lehrenden und anderen Lernenden vernetzen. Lernen kann  immer und überall stattfinden, wo es eine Verbindung zum Internet gibt.

Eine weitere Verheißung, die die digitalen Medien für das Lernen mit sich bringen: die radikale Individualisierung des Lernangebots. Die Idee: ein Computerprogramm kann jedem Lernenden Input und Übungen, Aufgaben und Zielsetzungen genau seinen Bedürfnissen entsprechend zuschneiden. Die digitalen Medienangebote beleben das Bild des Hauslehrers neu, der mit unendlicher Geduld, methodischer Raffinesse und unerschöpflichem Fachwissen jedem einzelnen Lernenden zur Seite steht.(An dieser Stelle sei dahin gestellt, ob damit alle wesentlichen Ziele des Lernens im 21. Jahrhunderts erfüllt werden (vgl. Fadel, Trilling, Bialik 2015). Aber das Versprechen von Lösungen für die zunehmenden Ansprüche an Schule, allen voran den Umgang mit der Vielfalt der Lernenden, treibt die Entwicklung voran.)

Unser Bild von schulischem Lernen löst sich mit den digitalen Medien noch weiter vom Klassenraum, in dem alle Schüler*innen zur selben Zeit am selben Inhalt arbeiten – und dafür sinnvollerweise in Reih und Glied angeordnet sitzen. Damit wissen wir schon einmal, wie Räume in der Zukunft nicht mehr aussehen müssen.(Das haben viele Schulen schon vor der Digitalisierung gewusst, in Deutschland insbesondere die Grundschulen und reformorientierte Schulen.)

Wann ist „anytime“? Wo ist „anywhere“?

Aber was bedeutet es konkret für Raum und Zeit, wenn der Gleichschritt für das Lernen aufgehoben wird? Wann genau ist „anytime“ und wo genau ist „anywhere“? Die folgenden Überlegungen fokussieren auf die räumlichen Fragen.

Das Gute an der digitalen Langsamkeit des Systems Schule ist: Wir können von den Schwierigkeiten und Irrwegen lernen, mit denen andere Systeme schon konfrontiert wurden. In der beruflichen Weiterbildung zum Beispiel waren die Hoffnungen groß, dass mit digitalen Medien das „Training on the Job“ zum Normalfall werden könnte. Die Idee: Berufstätige müssen zur Weiterbildung nicht mehr zu bestimmten Zeiten an bestimmte Orte wechseln (und damit am Arbeitsplatz fehlen), sondern könnten e-learning-Angebote immer genau dann nutzen, wenn sie den entsprechenden Bedarf haben. In der Praxis stellte sich heraus: So einfach ist das mit „anywhere“ und „anytime“ nicht, wenn es in die konkrete Umsetzung geht. Es gibt keinen Ort, der „anywhere“ heißt – und alle anderen Orte sind schon besetzt. Am Schreibtisch gibt es immer Aufgaben, die dringender sind als die nächsten Lerneinheiten, immer Kollegen oder Kunden, die das Lernen unterbrechen. Gerade weil das Lernen prinzipiell immer und überall stattfinden kann, findet es in vielen Fällen nie statt. Viele Menschen verlagern ihr „anywhere“ daher nach Hause – aber auch dieser Ort ist häufig schon besetzt, beispielsweise durch Familie, Freunde und Hobbys. Nicht wenige Menschen berichten, dass sie am besten in Cafés oder während einer Zugfahrt lernen können.

Foto: (k)ein Raum mit dem Namen „Anywhere“ | CC BY 4.0 by Blanche Fabri und Jöran Muuß-Merholz

Ein ähnliches Phänomen sieht man bei Freiberuflern in Jobs, die neben ihrem Kopf nur Computer, Internetzugang und vielleicht noch ein Telefon verlangen, beispielsweise Programmierer oder Grafikdesigner. Obwohl diese den thailändischen Strand oder den heimischen Küchentisch als ihr „anywhere“ wählen könnten, zieht es sie für Arbeiten und Lernen an gemeinsame Orte, sogenannte Coworking Spaces. Für einen monatlichen Beitrag kann man sich hier Stuhl, Tisch und Internetzugang mieten. Die Coworking Spaces bieten zusätzlich eine angenehme Umgebung, die nicht zufällig an die eingangs beschriebenen Kaffeehäuser erinnert. Solche Coworking Spaces erleben derzeit einen Boom.

eine Art Separee zum Lernen in kleinen Gruppen

Foto: TU Library Delft 2016 | by Tobias Schwarz unter CC BY 4.0

Eine Checkliste für angenehme Lernorte

Offenbar suchen viele Menschen, die an jedem Ort arbeiten und lernen könnten, gezielt Bibliotheken, Kaffeehäuser oder Coworking Spaces auf. Was macht diese Räume aus, dass sie für das Lernen attraktiv sind? Stellen Sie sich bei den folgenden Überlegungen am besten wieder einen Ort wie Starbucks vor. Nichts davon liesse sich nicht auch an einer Schule umsetzen.

  1. Mobiliar:
    Es gibt Sitzgelegenheiten für jede soziale Konstellationen des Lernens: Einzelplätze auf Hockern am Fenster, Tische für zwei, drei oder vier Personen, wahlweise entspannt im Sessel oder konzentriert mit Stühlen. Und in größeren Starbucks gibt es häufig auch einen großen Tisch, an dem sieben oder acht Menschen gemeinsam sitzen können.
  2. Atmosphäre:
    Es gibt angenehmes Licht, gute Akustik und eine freundliche Umgebung.
  3. Infrastruktur:
    Natürlich gibt es WLAN. Auch Steckdosen sind selbstverständlich. In Coworking Spaces und Bibliotheken findet man zusätzlich Drucker, vereinzelt übrigens sogar als 3D-Drucker.
  4. Willkommen:
    Niemand vermittelt den Eindruck, dass man nicht willkommen sei. Bei Starbucks ist es vollkommen okay, stundenlang zu verweilen.
  5. Kaffee:
    Es gibt gute Getränke und Kleinigkeiten zum essen.
  6. Regeln:
    Verhaltenskonventionen sind bei Starbucks weniger ausgeprägt, in Coworking Spaces und Bibliotheken aber gang und gäbe. So gibt es zum Beispiel Stillarbeitsbereiche, Flüsterzonen und Telefonierecken.
  7. Copräsenz:
    An den Coworking Spaces lässt sich noch ein anderes Phänomen beobachten: Die meisten Menschen wollen nicht alleine sein. Die Anwesenheit anderer Lernender, sei es einfach als ein Nebeneinander oder in verschiedensten Formen von Austausch und Zusammenarbeit, macht einen zentralen Aspekt der neuen Arbeits- und Lernorte aus.

Lernsäle und Colearning Spaces

Viele Elemente der Aufzählung lesen sich in der gebotenen Kürze sehr grundsätzlich, fast banal. Jedoch muss man sich fragen: Wenn diese Grundlagen so banal sind, warum sind sie dann an den meisten Schulen nicht gegeben, weder im Unterricht noch im Lehrerzimmer?

Lernen im digitalen Zeitalter kann Anywhere und Anytime stattfinden. Aber es gibt keinen Raum mit Namen „Anywhere“ – jedes Lernen braucht einen konkreten Ort. Wir können die Freiräume, die der digitale Wandel ermöglicht, für die Gestaltung guter Räume nutzen. Gute Lernorte setzen auf eine Verbindung von alten und neuen Konzepten: Bibliotheken und Kaffeehäuser, Coffeeshops und Coworking Spaces. Wir brauchen Lernsäle statt Lesesäle.

Wir lernen durch die Digitalisierung, was das wirklich wertvolle an unseren Räumen ausmacht – eine zweckdienliche und angenehme Umgebung und das Neben- und Miteinander von Menschen. Wir brauchen Colearning Spaces, an denen jeder für sich ideale Bedingungen für das Lernen findet und gleichzeitig mit anderen Menschen zusammenarbeiten kann.

Das Rolex Learning Center in Lausanne

Eine Art Colearning Space: Das Rolex Learning Center in Lausanne. Foto by Mikado1201 unter CC BY SA 3.0 via Wikimedia Commons.  Viele weitere Fotos auf Flickr ….

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