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Was die De-Privatisierung von Unterricht mit Openness zu tun hat …

… und wie meine Recherche nach den Ursprüngen fast gescheitert wäre

Ausgehend von meinem Interesse an Open Education interessiert mich zunehmend die Frage nach der Zusammenarbeit zwischen Lehrenden. In diesem Zusammenhang stolperte ich über die Forderung nach einer „De-Privatisierung“ von Unterricht. Der Ort meines Funds war für mich so überraschend, dass ich mich auf die Suche nach den Ursprüngen der Formulierung und der Idee dahinter begeben habe. Hier mein Suchprotokoll … 

0) BMBF (2022)

Sprechen wir also über die „De-Privatisierung der eigenen Praxis (z.B. Unterricht)“. Diese Formulierung fand ich in Fußnote 13 der OER-Strategie, die die deutsche Bundesregierung Ende Juli 2022 veröffentlichte. Die Formulierung fand ich in einer BMBF-Publikation spannend und vielversprechend, so dass ich mich auf die Suche nach den Ursprüngen begeben habe. Die Recherche dauerte etwas länger, und ich habe unterwegs gelernt, was das Ganze mit Openness zu tun hat. Los geht’s …

1) Steinert et al. (2006) zu Lehrerkooperation

Schritt 1 war eine oberflächliche Recherche via Google Scholar und eine grobe Orientierung nach einem möglichst frühen Veröffentlichungsdatum. Dabei fand ich „Ent-Privatisierung“ (nicht wie beim BMBF „De-Privatisierung“) hier: 

Steinert, B., Klieme, E., Maag Merki, K., Döbrich, P., Halbheer, U., & Kunz, A. (2006). Lehrerkooperation in der Schule: Konzeption, Erfassung, Ergebnisse. Zeitschrift für Pädagogik, 52(2), 185-204. Online im Volltext via pedocs

Hier ging es um die empirische Erfassung von Lehrerkooperation. Die Autor*innen unterscheiden vier Niveaustufen von Kooperation. Die höchste der vier Stufen (die in der Studie übrigens nur 2% der untersuchten Schulen erreichen) zeichnet sich durch Merkmale aus, die die Autor*innen mit den Eigenschaften professioneller Lerngemeinschaften vergleichen. Eines dieser Merkmale wird als „offene Diskussion individueller Unterrichtspraktiken (de-privatization of practice)“ (S. 188) oder als „Entprivatisierung des Unterrichts“ (S. 196) beschrieben. Hierbei wird auf „Seashore Louis/Leithwood (1998)“ verwiesen, wobei „de-privatization of practice“ eine wörtliche Übernahme zu sein scheint. Dazu ist folgende Referenz angegeben:

Leithwood, K./Seashore Louis, K. (Hrsg.) (1998): Organizational learning in schools. Lisse: Swets en Zeitlinger.

2) Louis & Leithwood (1998)

Steinert et al. (2006) verweisen also nur pauschal auf einen Sammelband. Das war mir zu unscharf, da ja zu einem Sammelband naturgemäß verschiedene Autor*innen einzelne Aufsätze beisteuern. Ich suchte nach Präzisierung und fand, leider nicht wirklich offen verfügbar,  dass der Begriff „de-privatization of practice“ nur 1x vorkommt, nämlich im abschließenden Aufsatz, zu dem ich dann die folgende Referenz fand

Seashore, K. R., & Leithwood, K. (1998). From organizational learning to professional learning communities. In K. Leithwood, & K. S. Louis (Eds.), Organizational learning in schools (pp. 275-285). Swets and Zeitlinger.
ACHTUNG, diese Referenz ist falsch! 

Das verwirrte mich. Wenn man beide Referenzen zusammen nahm, tauchte der Name „Seashore“ als Herausgeberin und als Autorin des Textes auf. Aber wie verhielt sich das zu „Louis“? Ich ergoogelte mir, dass „Seashore“ und „Louis“ dieselbe Person ist, deren voller Name „Karen Seashore Louis“ lautet. „Seashore“ ist vermutlich ein Middle Name und wird manchmal gar nicht, manchmal als Nachname und manchmal als Abkürzung wie bei einem Vornamen referenziert. Auf ihrer Homepage bei der University of Michigan stellt sie sich im Titel der Seite als „Karen Seashore“ vor, schreibt in ihrer eigenen Publikationsliste aber nur „Louis“ aus. Daraus schließe ich, dass folgende Referenzierung richtig ist (von hier übernommen):

Louis, K. S., & Leithwood, K. (1998). From organizational learning to professional learning communities. In Organizational learning in schools (pp. 275-285). Taylor & Francis.

3) Kruse & Louis (1993)

Die Homepage von Louis listet nur neue Publikationen auf. Aber es schloss sich ein Kreis, weil ich bei Google Scholar vorher auch eine prominente Publikation von 1993 gefunden hatte, die „Kruse“ als Autorin benennt:

Kruse, S. D., & Louis, K. S. (1993). An emerging framework for analyzing school-based professional community. (Volltext als Scan online)

Dazu gibt es einen Volltext in dieser aufregenden Fassung, die mich optisch an meine Studiumszeit erinnert. Und hier wird es nun inhaltlich richtig spannend. Sharon D. Kruse und Karen Seashore Louis hatten das Paper als Skizze („outline“) für ein „non-traditional symposium“ der American Educational Research Association 1993 vorbereitet, wie sie in einer Fußnote auf dem Deckblatt erläutern.

Das Papier lohnt sich auch 2022 noch zu lesen. Das Vorgehen in Kurzform: Kruse & Louis hatten den Forschungsstand zu zwei getrennten Bereiche recherchiert: die Literatur zu „professionalism“ und die Literatur zu „community“. Das Ziel der Verbindung dieser beiden Perspektiven war ein „integrated professional-community model that combines a universally applicable knowledge base rooted in the discipline of teaching with organizational factors“. Und einer der dort ausgearbeiteten Merkmale wird als „De-privatization of Practice“ überschrieben. Der Abschnitt auf S. 12 arbeitet in nur wenigen Sätzen heraus, wie der Weg von gegenseitigen Unterrichtsbesuchen zu einer Vertiefung von Vertrauen, Respekt und Offenheit für Verbesserungen führt und dabei das gemeinsame Wertefundament und geteilte Grundannahmen verstärkt.

Kruse & Louis nehmen also „De-privatization of Practice“ in ihr „Emerging Framework for Analyzing School-based Professional Community“ auf und definieren es als „frequent examination of individual teaching behaviors, both through observation and ‘case analysis’ that is roted in the desire to improve“ (S. 31).

Diese Skizze von 1993, die sich noch hinter dem Literaturverzeichnis findet, wurde also zur Grundlage der weiteren Arbeit zu professioneller Zusammenarbeit in Schule. Bemerkenswert finde ich, dass damals der Bezug zu „Openness“ klar herausgearbeitet wird (zwar nicht in der kurzen Definition (S. 31), aber in der ausführlichen Darstellung (S. 12)). „De-privatization of Practice“ ist nicht nur eine mehr oder weniger technische Methode zur Verbesserung von Unterricht, sondern ein Beitrag zu gemeinsamen Werten und den Grundlagen der Zusammenarbeit.

4) Little (1990)

Nun war ich zufrieden und wollte eigentlich die Recherche beenden. Aber natürlich haben auch Kruse & Louis noch Referenzen angeführt, nämlich diese beiden hier:

Lieberman, A., Saxl, E. R., & Miles, M. B. (1988). Teacher Leadership: Ideology and Practice. In Building a Professional Culture in Schools. (pp. 148-166). Ed. Liberman, A. New York: Teachers College Press.

Little, J. W. (1990). The Persistence of Privacy: Autonomy and Initiative in Teachers‘ Professional Relations. Teachers College Record, 91(4), p. 509-536. (als Volltext online)

Für Lieberman et al. fehlte mir die Geduld, nachdem ich erstmal nur ein geschütztes PDF gefunden habe. Aber bei Little (1990) springt ja schon der Titel ins Auge: „The Persistence of Privacy“. Außerdem lernte ich bei Google Scholar und Research Gate, dass der Artikel außerordentlich oft zitiert wird. 

Ich kürze hier ab: Little (1990) scheint mir für sehr viele Referenzen der Ursprung der Formulierung von „teaching as a private endeavor“ (S. 530) zu sein. Auch Little hat selbstverständlich viele Referenzen, auf die sie aufbaut. (Der Text beginnt mit den Worten (1990!): „The present enthusiasm for teacher collaboration …“) Allerdings kommt dort weder „private“ noch „privacy“ vor, so dass ich hier die Spur erkalten lasse. Zudem war ich ja insbesondere an der Formulierung von „De-Privatisierung“ interessiert – und die findet sich bei Little nicht. Nach meiner Recherche ist die Rede von „De-privatization of Practice“ für die Schule erstmals bei Kruse & Louis (1993) zu finden.

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