Jeff Jarvis on Education (und wie Google das angehen würde)

28. April 2010

This is bull­s­hit“, eröff­net Jeff Jar­vis sei­nen Vor­trag.
(Das Skript fin­det sich im Blog Buz­zma­chine von Jeff Jarvis.)

Jar­vis beginnt sei­nen 15-minütigen Vor­trag damit, das Set­ting zu beschimp­fen, in dem er gerade spricht. Dort unten die Zuhö­rer, er da oben als Dozent. Das erin­nere ihn an die Schule bzw. das Bil­dungs­sys­tem im All­ge­mei­nen, ein sys­tem built for the indus­trial age: Alle beschäf­ti­gen sich zur glei­chen Zeit in der glei­chen Form mit der glei­chen Frage. Aus­ge­wählt von einem Ein­zel­nen, der die rich­tige Ant­wort bereits kennt. Was uns wie­der an die alten Medien, z.B. die Zei­tung erin­nert:  one size fits all. Die­ses For­mat müsse man doch nun lang­sam mal hin­ter­fra­gen. Vom Inter­net ler­nen heißt: ques­ti­ons, chal­len­ges, dis­cus­sion, debate, col­la­bo­ra­tion, quests for under­stan­ding and solu­ti­ons.

Um fach­li­che Inhalte zu erar­bei­ten, brau­che es kei­nen Leh­rer mehr. Es gibt her­vor­ra­gende Mate­ria­lien frei ver­füg­bar online. Wir ler­nen die aus Jar­vis‘ Buch bekannte Maxime: Do what you do best and link to the rest! Leh­rer müs­sen nicht mit YouTube-Materialien kon­kur­rie­ren, die den Kapil­lar­ef­fekt erläu­tern. Sie kön­nen ein­fach das rich­tige YouTube-Video aus­wäh­len. Just as jour­na­lists must become more cura­tor than crea­tor, so must educators.

Aber das ist ja noch eine recht kleine Ver­än­de­rung. Man wech­selt die Medien, also wie der Inhalt prä­sen­tiert wird. Wenn man ernst­haft daran glaubt, dass die Betrof­fe­nen (= die Ler­nen­den) es bes­ser wis­sen als die Leh­ren­den, müsste man sie dann nicht auch fra­gen, was sie ler­nen wol­len? So wie man als Pro­du­zent fragt, was die Kon­su­men­ten wol­len?  So we need to move stu­dents up the edu­ca­tion chain. They don’t always know what they need to know, but why don’t we start by fin­ding out? Instead of giving tests to find out what they’ve lear­ned, we should test to find out what they don’t know. Their wrong ans­wers aren’t failu­res, they are needs and opportunities.

Statt­des­sen funk­tio­niert Ler­nen bei uns so: Wir schauen nur auf den Out­put, den wir schon am Anfang vor­ge­ben. Am Ende kon­trol­lie­ren wir, ob die Ler­nen­den unsere Ant­wor­ten erreicht haben. We tell them our ans­wers before they’ve asked the ques­ti­ons. How use­l­ess can we be?

Wer es bes­ser machen will, müsse sich an Google ori­en­tie­ren, wo das Indus­trie­zeit­al­ter getrost als über­wun­den gel­ten kann und man ver­mut­lich weiß, worum es im 21. Jahr­hun­dert geht: In the real world the tests are all open book. It’s easy to edu­cate for the rou­tine, and hard to edu­cate for the novel. Schule und Aus­bil­dung müs­sen heute nicht mehr die rich­ti­gen Ant­wor­ten ver­mit­teln. Sie müs­sen Men­schen dar­auf vor­be­rei­ten, neue Lösun­gen für neue Pro­bleme zu ent­wi­ckeln. So wie Google. Google sprung from sol­ving problems.

Wie sieht es also aus, das Klas­sen­zim­mer der Zukunft? Es muss sich von sei­nem Fokus auf vor­ge­ge­bene Inhalte und Set­tings ver­ab­schie­den. Statt­des­sen gilt es, aus dem rie­si­gen Infor­ma­ti­ons­pool aus­zu­wäh­len und die Men­schen in inter­es­san­ten Kon­stel­la­tio­nen zusam­men­brin­gen: the tasks shift from crea­ting and con­trol­ling con­tent and mana­ging scar­city to cura­ting people and con­tent and enab­ling an abun­dance of stu­dents and teachers and of knowledge.

Nach die­sem eigent­li­chen inhalt­li­chen Höhe­punkt läuft Jar­vis noch ein­mal heiß:
We must stop our cul­ture of stan­dar­di­zed tes­ting and stan­dar­di­zed teaching.
Bil­dung ist nun mal kein irgend­wann fer­tig­ge­stell­tes Pro­dukt. Son­dern ein Pro­zess.
Life is a beta.
Min­des­tens 20% der Arbeits­zeit in Schu­len müss­ten (wie bei Google) für eigene Pro­jekt zur Ver­fü­gung ste­hen.
Das Aus­wen­dig­ler­nen müsse ein Ende haben.
Nicht mehr Abschluss­zeug­nisse, son­dern Port­fo­lios sagen etwas über uns und unsere Kom­pe­ten­zen aus.
Und schließ­lich:
The school beco­mes not a fac­tory but an incubator.

PS: Spä­tes­tens bei der letz­ten Aus­sage liegt die Ähn­lich­kei­ten zu Rein­hard Kahls Arbei­ten nahe. Seine Doku­men­ta­tion „Treib­häu­ser der Zukunft. Wie Schu­len in Deutsch­land gelin­gen“ folgt geis­tig ver­wand­ten Pfa­den. Und heißt in der eng­lisch­spra­chi­gen Ver­sion (und zwar schon seit eini­gen Jah­ren): „Incu­ba­tors of the Future

PPS: Wer mehr von Jeff Jar­vis will, lese sein Buch „Was würde Google tun?“ oder schaue sei­nen Vor­trag bei der re:publica 2010 über das Ver­hält­nis von Öffent­lich­keit und Pri­va­tem „The Ger­man Para­dox - Pri­vacy, publi­c­ness, and peni­ses“.

PPPS: Jöran fin­det die­sen Vor­trag inso­fern dop­pelt span­nend, dass Jar­vis hier auch die Kom­pe­tenz von Jöran und Kon­sor­ten beschreibt: cura­ting people and con­tent and enab­ling an abun­dance of stu­dents and teachers and of knowledge.

Print Friendly

Tags: , , , , , , , , , , , ,

Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, 28. April 2010 veröffentlicht und unter BildungsWelt, Eigene Texte, Eigene Videos, Kongresse & Tagungen, NetzWelt, Seminare & Vorträge gespeichert. Sie können Kommentare zu diesem Eintrag über den RSS-2.0-Feed verfolgen. Momentan ist weder das Kommentieren noch das Setzen eines Trackbacks möglich.

1 Kommentar zu “Jeff Jarvis on Education (und wie Google das angehen würde)”

  1. […] Die­ser Ein­trag wurde auf Twit­ter von Chris­tian M. Ginal erwähnt. Chris­tian M. Ginal sagte: Jeff Jar­vis on Edu­ca­tion (und wie Google das ange­hen würde) « J&K …: “This is bull­s­hit”, eröff­net Jeff Jar­vis se… http://bit.ly/bGqFP2 […]